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Jutta Wilke ~ wie ein Flügelschlag [Rezension]

Jana ist 16 und stammt aus problematischen Verhältnissen. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt und ihre depressive Mutter belastet sie stark mit ihren eigenen Problemen. Da kommt das Stipendium eines angesehenen Sportinternats wie gerufen! Endlich kann ihr beeindruckendes Schwimmtalent angemessen gefördert werden und von ihrer Mutter kann sie sich auch lösen.

Aber auch in der Schule hat Jana Schwierigkeiten, sie findet dort keinen Anschluss und hat, bis auf wenige Ausnahmen, kaum Kontakt zu ihren Mitschülern. Als dann noch Melanie, ihre einzige Freundin, tot in der Schwimmhalle aufgefunden wird, bricht für sie eine Welt zusammen. Dennoch glaubt sie nicht an die offizielle Todesursache und macht sich mit Melanies Bruder Mika auf die Suche nach der Wahrheit…

~*~

“Wenn Tom wüsste, wie viel Angst ich vor den anderen hatte. Nicht als Konkurrenten im Training. Im Wasser waren wir alle gleich. Aber draußen. Draußen war es, als kämen sie aus einer anderen Welt.” (S.29f)

Jutta Wilke schaffte es mit wenigen, gezielten Worten, Janas angespannte Situation zu beschreiben. Immer wieder zeigen kleine, alltägliche Situationen, wie wenig Jana in die eingeschworene Klassengemeinschaft integriert ist. Sie darf zwar dank eines Stipendiums die Sportschule besuchen, wird dort aber nicht akzeptiert. Sie stammt nunmal nicht aus den gleichen Verhältnissen wie die anderen Schüler und dies bekommt sie täglich zu spüren, in dem sie ausgegrenzt und verspottet wird. Einzig durch ihre sportlichen Leistungen könnte sie sich Respekt verschaffen, was aber auch misslingt – sie zieht eher den Zorn und den Neid ihrer Mitschüler auf sich. Bis auf Melanie – trotz aller Unterschiede schaffen es die beiden, eine Freundschaft aufzubauen und gegen alle Widerstände durchzusetzen.

Diese unterschwellige Gesellschaftskritik hat mir sehr gut gefallen und greift damit Probleme auf, die in jeder Schulklasse auftreten können, unabhängig davon, ob es sich um eine Eliteschule für Kinder wohlhabender Eltern handelt oder die kleine Realschule aus dem Nachbardorf. In jeder Klasse können Differenzen durch Unterschiede jeder Art auftreten. Wenn es nicht das Kind aus ärmeren Verhältnissen zwischen den Kindern der Reichen ist, ist es das Kind mit Migrationshintergrund zwischen Nicht-Migranten, usw. Die Probleme sind leicht übertragbar auf diverse Situationen und gerade dadurch wird dieser Aspekt so wertvoll, um darüber kritisch nachzudenken und gemeinsam zu diskutieren.

Und wer jetzt denkt, hier liegt ein seichter Roman vor, der irrt gewaltig! Melanis Tod löst einen wahren Psychothriller aus. Das erste Kapitel startet mit dem Tod, man stolpert zum Ende des Kapitels praktisch über die Leiche und das nächste Kapitel startet drei Wochen vorher, um die Vorgeschichte auszuarbeiten. Im Hinterkopf schwebte natürlich immer der Gedanke, dass Melanie sterben wird und ich ging in Gedanken schon alle möglichen Szenarien durch, wer damit etwas zu tun haben könnte, wie es überhaupt zu dem Tod kam und welche Zusammenhänge noch auftauchen könnten. Sehr geschickt gelöst von der Autorin, denn durch diesen “Achtung, es passiert noch was” – Hinweis las ich gleich noch aufmerksamer und fieberte neuen Informationen regelrecht entgegen. Geschickt lässt sie mich nach Informationshappen greifen, ohne voreilig zu viel zu verraten oder klare Richtungen vorzugeben. Diese Elemente liebe ich in Thrillern ohnehin und hier führte es zu einer beklemmenden, angespannten Grundstimmung, die teils recht düster, teils auch einfach nur sehr traurig wirkte.

Die Protagonistin Jana wurde authentisch und glaubwürdig ausgearbeitet. Ihren Leistungswillen konnte sogar ich als sportmuffelige Couch-Kartoffel nachvollziehen, der damit verbundene Konkurrenzkampf war stark spürbar und hinterließ bei mir eine betrübte Stimmung. Das normale Konkurrenzdenken in der Schule fand ich schon furchtbar, wenn jeder danach strebt der Beste zu sein, ohne Rücksicht, aber gerade im Sport scheint dieser Druck besonders ausgeprägt zu sein, da dort nur der Sieger gefeiert wird.

Hervorragend empfand ich die Sprache, die Jutta Wilke wählte. Sie ist keinesfalls simpel und platt, wie man es in einem Jugendbuch vielleicht vermuten mag. Neben deutlichen Worten, Schimpfereien und Wutausbrüchen nutzte die Autorin poetische, schon fast melodische Wörter, um Stimmungen oder Gefühle einzufangen und auszudrücken.

Fazit: eine wahre Perle unter den Jugendbüchern habe ich hier vorliegen. Thrillerelemente, Gefühle, Familiendramen und Gesellschaftskritik werden so nahtlos und leicht ineinander geknüpft, so dass eine stimmige, spannende, aber auch nachdenklich stimmende Gesamthandlung entstand, die mich auch als nicht mehr ganz jugendliche Leserin fesseln konnte.

Ich danke dem Coppenrath Verlag und BloggdeinBuch für das Rezensionsexemplar. Kaufen könnt ihr euch das Buch im Shop von Coppenrath (und natürlich in jedem Shop/ jeder Buchhandlung eurer Wahl)

[282S. | ISBN: 9783649605669 | 14,95 €  | erschienen 2012 im Coppenrath Verlag |empfohlenes Alter: 12 - 16 Jahre]

6 Antworten auf Jutta Wilke ~ wie ein Flügelschlag [Rezension]

  1. Kermit 27. Februar 2012 um 14:37

    Warum müssen die ganzen guten Jugendthriller nur immer für so wenig Geld so wenig Seiten haben ;o)? Das hört sich ja wirklich toll an! Ich werde die Augen auf alle Fälle offen halten, vielen Dank für die Rezi.

    • Kermit 27. Februar 2012 um 14:38

      “für so viel Geld” sollte das natürlich heißen

    • NieOhneBuch 27. Februar 2012 um 15:10

      Wobei 15€ für ein Hardcover schon fast wieder günstig sind ;-)
      aber auch nur fast, bei der Preisgestaltung stimme ich dir zu.. die kann ich auch nicht immer nachvollziehen.
      In dem Fall finde ich es aber okay.. die Gestaltung ist schön, die Seiten sind aus stabilem Papier, die einzelnen Kapitel sind auch noch mit einem Schmetterling verziert und “ganz nebenbei” ist der Inhalt auch nicht schlecht ;-)

      • Kermit 27. Februar 2012 um 17:03

        Und führe mich nicht in Versuchung… ;)
        Wobei das Cover wirklich wunderschön ist und ausnahmsweise sogar der Inhalt mithalten kann. Menno, ich will Geburtstag haben! Auf die WuLi ist es auf alle Fälle schonmal gewandert, vielleicht erscheint ja auch in nicht all zu ferner Zukunft eine TB-Version.

  2. Britta 15. März 2012 um 08:38

    Hallo, eine gute Besprechung eines wirklich sehr lesenswerten Buches! Nett wäre allerdings auch im Anschluß der Hinweis, dass Kaufwillige das Buch auch im örtlichen Buchhandel kaufen können.
    Es gibt nämlich auch eine Welt außerhalb des Internet, Menschen, die in Geschäften arbeiten, ohne die unsere Innenstädte ziemlich trostlos wären. Aber wenn dort immer weniger Leute einkaufen, wird es sie bald alle nicht mehr geben…
    Danke
    Britta

    • NieOhneBuch 15. März 2012 um 09:53

      Liebe Britta,

      danke für den Kommentar. Stimmt, auf den örtlichen Buchhandel könnte ich hinweisen – allerdings denke ich, jeder Leser wird seinen bevorzugten Buchhändler bereits für sich entdeckt haben. Wer seinen Buchhändler vor Ort bevorzugt, wird die Verlinkung zum Shop vermutlich ignorieren.
      Zudem sind es die Vorgaben, wenn man über BlogDeinBuch ein Leseexemplar bezieht; die Nennung des Verlagsshops ist daher “Pflicht” ;-)

      LG

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